Kurztrip durch Europa

Text/Foto: Nikolas Khurana

Fritz Geers ist kein gewöhnlicher Radfahrer. Jede Woche fährt er mit seinem Fahrrad vom Harz bis nach Braunschweig und zurück. Diese Strecke ist aber nur Training. Der gebürtige Harzer besucht in der Niedersächsischen Großstadt seine Berufsschule. Mit dem Training bereitet er sich nicht auf einen gemütlichen Sommerurlaub vor, bei dem man mit Trekkingrad und Zelt einem Flusslauf folgt. Nein. Bei solchen Radtouren ist die Reisegeschwindigkeit wahrscheinlich viel zu langsam. Außerdem ist das Wort „gemütlich“ hier deplatziert und entspricht nicht Fritz Philosophie vom Fahrradfahren. Ebenfalls sind lange Pausen bei seinem Vorhaben fehl am Platz. Fritz ist Ultracyclist. Ultracyclisten radeln eine sehr lange Strecke mehr oder weniger am Stück. Hierbei reden wir von mehreren tausend Kilometern, die in kürzester Zeit auf dem Fahrrad zurückgelegt werden. Für den Laien ist es kaum vorstellbar, welchen Strapazen sich Ultracyclisten stellen: Stundenlang auf einem Fahrradsattel sitzen und extremer Schlafmangel sind nur zwei Gründe, diesen Sport nicht zu betreiben. Es gibt, wie in jeder anderen Sportart, auch in dieser Extremsportart offizielle Wettkämpfe, bei denen sich jährlich ein paar „Wahnsinnige“ zusammenfinden. Dabei gibt es zwei Arten der Teilnahme. Die Einen möchten nur die Ziellinie erreichen, egal wie lange sie dafür brauchen. Und es gibt die Anderen, denen nur ankommen zu wenig ist. Diese Gruppe, zu denen auch Fritz Geers gehört, fährt solche Rennen auf Zeit und für eine gute Platzierung. Im Sommer 2018 nahm Fritz das erste Mal beim Race Across Europe teil, das eine Gesamtstrecke von rund 4721 Kilometern hat. Auch Fritz war bis dahin noch nie so eine lange Strecke am Stück gefahren. Ich habe ihn auf diesem Trip mit seinem Team quer durch Europa begleitet.

RAE-Höhenprofil

Aufbruch

Einen Tag bevor das Race Across Europe begann, befanden wir uns bereits am Startort Boulogne-sur-Mer, der Geburtsort vom FC Bayern Superstar Franck Ribéry. Das kleine nordfranzösische Örtchen befindet sich direkt am Ärmelkanal mit weitem Sandstrand und einer Steilküste. Bei uns im Team kam ein bisschen Urlaubsstimmung auf, nachdem wir uns in das doch recht kalte Wasser bei sommerlichen Temperaturen stürzten. Ein letztes Mal entspannen, denn in weniger als 24 Stunden sollte der Start erfolgen.

Teamfoto

Die letzte Nacht verbrachten wir in unseren Autos direkt am Meer mit Panoramablick auf England. Ein Sprinter, der unser zu Hause für die nächsten Tage sein sollte, wurde mit sechs Betten bestückt. Zudem wurden hier Essen, Kleidung und andere Campingutensilien gelagert. Das zweite Auto, unser Pacecar, wurde am Abend noch mit allem Wichtigen präpariert, das wir für das Rennen brauchten. Das waren unter anderem Gelblicht auf dem Auto sowie Fernlicht und eine Megaphonanlage. Des Weiteren wurden im Cockpit Navigations- und Funkgeräte installiert sowie Werkzeug, Kameraequipment und Essen für die Fahrt im Innenraum organisiert. Das Pacecar ist das sogenannte Begleitfahrzeug. Dieses wird permanent an Fritz Hinterrad kleben.

Pacecar

Der nächste Tag begrüßte uns mit blauem Himmel. Nachdem wir an diesem Tag die letzten Vorbereitungen getroffen hatten, aßen wir ein letztes Mal alle zusammen Mittag. In den folgenden Tagen wird sich das gesamte Team voraussichtlich nur beim Schichtwechsel begegnen. Das Supportteam für diese Tour war sechs Mann stark, die in zwei Schichten aufgeteilt wurden mit je 3 Personen. Mit ständigem Blick auf die Uhr setzten wir uns überpünktlich in Bewegung Richtung Startpunkt, das Fußballstadion Stade de la Libération.

Dort erwartete uns der Veranstalter, der uns letzte wichtige Informationen gab und ein paar organisatorische Dinge mit dem Team durchging. Beispielsweise gab es eine lange Packliste mit Gerätschaften und Werkzeugen, die das Reglement vorschreibt. Sollten wichtige Utensilien fehlen, könnte dies zur Disqualifikation führen. Meist handelt es sich dabei um Ausrüstung für die Sicherheit. Fritz hatte sich in der Zwischenzeit in sein Trikot gezwängt und sich ein letztes Mal ins Auto zurückgezogen, um noch einmal Ruhe zu finden und sich mental auf die nächsten Tage vorzubereiten. Die Nervosität war im ganzen Team zu spüren. Nachdem wir das Go vom Veranstalter bekamen, überprüften wir nochmals alle technischen Geräte auf Funktionalität sowie die Akkustände.

Das supporter Team

Fritz Geers - Ultrasportler

Jendrik

Jendrik

Allrounder

Henning

Henning

Teamarzt

Klaas

Klaas

Physiotherapeut

Alexander

Alexander

Navigation

Nikolas

Nikolas

Teamfotograf

Maik

Maik

Pacecar Technik

RAE-Höhenprofil

Der Start

0 Kilometer

Nur noch wenige Minuten bis zum Take-Off. Fritz wurde geweckt. Er fühlte sich gut, war motiviert und freute sich auf das Rennen. Jetzt nur noch Helm auf, Brille auf, Funktest eins, zwei und ein letzter Bremstest. Dann mit Blick auf die Uhr ertönte pünktlich um 16 Uhr am Sonntag, dem 1. Juli, ein lautes Signalhorn und das Race Across Europe 2018 war eröffnet.

Die Spätschicht begann im Pacecar. Sie hatten bereits nach den ersten Metern Schwierigkeiten dran zu bleiben, denn es war Rush Hour. Fritz´ legte gleich zu Beginn eine erstaunliche Geschwindigkeit vor. Meine Schicht begleitete ihn auf den ersten etwa 80 Kilometern durch die ländliche Gegend Nordfrankreichs. Dabei fuhren wir immer etwas vor, warteten am Straßenrand und feuerten ihn an, sobald er uns eingeholt hatte. Ein großer Unterschied zur weltbekannten Tour de France ist, dass die Stecke nicht abgesperrt wird. Da Fritz und ein weiterer Solofahrer aus Österreich, der allerdings 18 Stunden später ins Rennen gegangen war, die einzigen Fahrer in diesem Jahr sind, ist es logistisch unmöglich, solch eine überdimensionale Strecke für zwei Fahrer sperren zu lassen. Man fährt also im ganz normalen Straßenverkehr mit. Die Strecke ist via GPS vorgegeben. Durch Livetracking können die Fahrer vom Veranstalter und von Interessierten verfolgt werden. Grenzübergänge sind eine Art fiktive Checkpoints, an denen wir uns telefonisch beim Veranstalter melden mussten. Ein zweiter großer Unterschied zur Tour de France ist, dass es keine Fans gibt, die die Fahrer vom Straßenrand anfeuern. Die Motivation bei Ultracyclisten ist reine Kopfsache. Demzufolge freuen sich natürlich die Fahrer, wenn doch jemand an der Seite steht und sie anspornt.

Pacecar

Mitten in der kalten Nacht. Es war stockdunkel. Man hörte in der Ferne schon die ersten Ballermannhits aus einem Megaphon hallen. Die Soundqualität war grottenschlecht, jedoch ist alles willkommen, was Fritz´ Motor am Laufen hält. Mit Einbruch der Dunkelheit haben Ultracyclisten arge Probleme mit der Müdigkeit. Ich stand bereits am Straßenrand mit einer Taschenlampe bewaffnet, um Fritz und seinem Anhang den Weg zu unserem kleinen Lager zu signalisieren. Dort wartete bereits ein Klappstuhl, eine Decke und frisch gekochter Reis. Fritz hatte sich eine kurze Pause verdient. Bis hierher hatte er erstaunliche 300 Kilometer hinter sich gelassen. Wir nutzten die Zeit, um die Autos zu wechseln. Nach dem kurzen Boxenstopp ging es zügig weiter.

Pacecar

Im Scheinwerferlicht des Pacecars schlängelte sich Fritz durch kleine französische unbeleuchtete Provinzdörfer. Komischerweise war die Straßenbeleuchtung überall ausgeschaltet. Die Städtchen wirkten wie Geisterstädte.

Bei Sonnenaufgang kämpfte Fritz mit seiner Müdigkeit und hatte dazu seine ersten Halluzinationen. Auf der einen Seite war es sehr lustig, was er uns alles völlig zusammenhangslos erzählt hatte und was er angeblich gesehen haben will. Auf der anderen Seite war diese Situation jedoch auch beängstigend. Deshalb legten wir eine Zwangspause für Fritz ein, der sich überraschenderweise nach wenigen Minuten wieder wie ein Mensch verhielt, sodass wir das Rennen wieder aufnehmen konnten.

Pacecar

Die gesamte Strecke ist in sogenannte Stages aufgeteilt, wobei eine Stage etwa 250 Kilometer lang ist. Das ist in etwa vergleichbar mit einer Etappe bei der Tour de France. Nur, dass bei diesem Rennen die Stages ineinander übergehen und es dort keine Ziellinien oder ähnliches gibt. Diese Stages existieren nur auf dem Papier. Insgesamt liegen demnach 19 Stages vor uns. Die Strecke durchquert 6 Länder Europas. Dabei wird Fritz 4721 Kilometer zurücklegen und über 51000 Höhenmeter erklimmen. Die Tour führt zweimal über die Alpen und einmal über die Pyrenäen. Kenner sagen sogar, dass dieses Rennen härter ist, als das in der Szene bekanntere Race Across America, das von der Distanz etwa genauso lang ist.

HöhenprofilHöhenprofil des RAE

HöhenprofilStreckenverlauf des RAE

LKW

Ein Viertel geschafft

1000 Kilometer

In unter 36 Stunden erreichte Fritz die ersehnte Grenze nach Deutschland. Der Asphalt auf den französischen Straßen hat ihm sehr zugesetzt. Seine beiden Fahrräder haben keine Federung bzw. Dämpfung, sodass er jede Unebenheit im groben Straßenbelag spürte. Diese Dauerrüttelbewegungen waren vor allem für die Armmuskulatur unerträglich.

In der dritten Nacht bezwang Fritz den ersten höheren Bergpass im Schwarzwald bei Bühl. Oben angekommen, war er ehrlich gesagt zu nichts zu gebrauchen. Er war sehr verwirrt und wusste nicht, wo wir sind und was er hier überhaupt macht. „Fritz, du fährst gerade das Race Across Europe“, war dann unsere Standardantwort. Wo wir uns zu diesem Zeitpunkt befanden, war irrelevant. Demzufolge legten wir wieder eine etwas längere Zwangspause ein, bei der Fritz auch ein paar Minuten schlafen konnte.

Schwarzwald

Der Straßenverkehr Deutschlands zeigte sich von seiner besten Seite. Erstens: Im Vergleich zu Frankreich nahm der Verkehr stark zu. Zweitens: Eine Baustelle reihte sich an die nächste. Fritz fand oft irgendwie einen Weg, die Baustellen zu durchqueren. Wir im Pacecar mussten allerdings die Umleitungen fahren und Fritz via Livetracking wieder aufsammeln. Einmal war auch für Fritz kein Durchkommen, dann durfte er ins Auto einsteigen und solange mitfahren, bis wir wieder auf dem offiziellen Track waren. Drittens: Deutschland war das einzige Land, in dem es gewittert hat.

Regen

Irgendwo in Bayern konnten wir den ersten Meilenstein knacken. Die ersten 1000 Kilometer waren gefahren. Aufgrund der guten Straßenverhältnisse konnte Fritz viel Strecke auf seinem Zeitfahrrad zurücklegen. Der maßgebliche Vorteil des Zeitfahrrads ist die veränderte Aerodynamik. Durch die liegende Haltung auf dem Rad wird der Luftwiderstand stark gesenkt und somit weniger Energie verbraucht. Der Nachteil, warum es eben nicht immer funktioniert, ist, dass es deutlich unruhiger lenkt. Somit ist es auf kurvigen Strecken eher ungeeignet.

Der nächste Schichtwechsel fand nachts um zwei Uhr am Tegernsee statt. Von dort aus ging es weiter durch die Täler der Voralpen. Vorbei am Wendelstein startete die erste alpine Bergetappe. Bei Steigungen bis 15% hatte Fritz, obwohl er bereits über 1000 Kilometer in den Beinen hatte, immer noch ein hohes Tempo. Ab und zu liefen wir mit ihm mit und feuerten ihn so an. Sein Durchhaltevermögen beeindruckte mich in dieser Phase des Rennens sehr. Ich hätte nicht gedacht, dass man, trotz der bereits erlebten Strapazen, immer noch so motiviert und entschlossen sein kann.

Eis

Mittlerweile waren wir in Österreich angekommen und ein Bergpass folgte dem nächsten. Hinter jeder Kurve eröffnete sich uns ein neuer wunderschöner Panoramablick. Die Stimmung im Team war sehr positiv, Fritz war gut drauf und motiviert. Beim Schichtwechsel gab es (leider geschmolzenes) Eis am Stiel, das als Motivator für Fritz auf der gesamten Strecke immer funktionierte. Es störte ihn auch nicht, dass er das Eis mit einem Löffel vom Teller kratzen musste.

Alpen

Der erste Schlaf

2000 Kilometer

Auf der bisherigen Strecke hatte Fritz immer wieder kurze Powernaps von wenigen Minuten machen müssen. Immer dann, wenn er in einen Sekundenschlaf fiel oder er sich nicht mehr konzentrieren konnte. Am 5. Juli bei einem Kilometerstand von 1227, in Österreich kurz vor der Grenze Italiens, wurde entschieden, Fritz eine längere Pause zu gönnen. Er schlief 3 ½ Stunden und bekam eine Massage von seinem Physiotherapeuten verpasst. Mit Sonnenaufgang setzten wir unsere Tour fort.

Doch kurz nachdem wir in Italien hineingefahren waren, verließen wir es auch schon wieder. Die Strecke machte einen kurzen Abstecher in den Trigslavski National Park in Slowenien. Diese ca. 30 Kilometer auf slowenischem Boden wurden zu Ehren von Jure Robič in den Streckenverlauf eingebaut. Jure Robič war ein slowenischer Ultracyclist, der bei einem Unfall verstarb. Die nun kommende Serpentinenstraße war seine Hausstrecke und führte Geers auf etwa 1600 Höhenmeter. Jure Robič war fünfmaliger Race Across America Gewinner, was im Ultracycling schon einen Legendenstatus bedeutet.

Slowenien

Im Anschluss an diese Etappe wurde die Strecke flacher. Grund genug, um mit dem Zeitfahrrad Strecke zu machen. Norditalien hat Fritz förmlich mit einer unbegreiflichen Durchschnittsgeschwindigkeit von 35-40 km/h überflogen.

Zeitrad

Im Umland von Mailand bekamen wir dann doch Probleme. Fritz hatte mit stark befahrenen Straßen zu kämpfen. In dieser Region gibt es viele Industriefirmen. Demnach ist diese Gegend auch dicht bevölkert. Zwangsläufig waren die Straßen von PKWs und Lastkraftwagen viel befahren. Die Straßen werden dadurch in Mitleidenschaft gezogen und waren mit tiefen Schlaglöchern übersät. Auch die Kombination aus relativ langsamem Fahrradfahrer und temperamentvollem Italiener, die es scheinbar eilig hatten, verhieß nichts Gutes. Lange mussten wir jedenfalls nicht warten, bis die ersten Autos uns hupend überholten. Auch Lastkraftwagen fuhren gefährlich dicht an uns vorbei. In diesem Abschnitt mussten wir Fritz mit dem Pacecar vor den überholenden Autos abschirmen, sodass diese nicht zu früh einscheren konnten. Nicht zu vergessen waren auch noch die heißen Temperaturen, die Fritz ebenfalls zusetzten, sodass er beim nächsten Schichtwechsel wieder eine etwas längere Mittagspause mit Massage bekam. Irgendwo in diesem chaotischen Straßenverkehr wurde die 2000 Kilometermarke gebrochen.

Colle dell Agnello

Das nächste Highlight war der Grenzpass zwischen Italien und Frankreich, auf den sich das gesamte Team schon im Vorfeld gefreut hatte. Der Colle dell Agnello / Col d'Agnel ist mit 2744 Metern der höchste Punkt auf der Strecke. Leider war Fritz viel zu schnell unterwegs, sodass wir den Gipfel im Dunkeln noch vor Sonnenaufgang bzw. Dämmerung erreichten. Für mich als Fotograf war es natürlich schön zu sehen, wie Fritz kämpfte. Aber auf der anderen Seite konnte ich aufgrund der Dunkelheit keine schönen Bilder mit Alpenpanorama schießen. Auf dem Gipfel legte Fritz wieder eine längere Pause ein, sodass wir die Abfahrt nach Frankreich bei Tageslicht genießen konnten. Problem jetzt: Fritz war wiedermal viel zu schnell. Bei Abfahrten war es mit dem Pacecar annähernd unmöglich an ihm dranzubleiben. Wir gabelten ihn dann später wieder auf.

Colle dell Agnello

In Südfrankreich mussten wir uns leider von zwei Teammitgliedern verabschieden. Ein Betreuer musste wieder arbeiten gehen und der andere war leider erkrankt. Demzufolge waren nun nur noch zwei Mann pro Schicht übrig. Nicht nur Fritz hatte ständig mit Müdigkeit zu kämpfen, das gesamte Team, mich eingeschlossen, bekam ebenfalls nur drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht. Denn die Betreuer, die gerade nicht im „Dienst“ waren, mussten trotzdem einiges erledigen. Erst einmal musste die Strecke zum nächsten Wechsel vorausgefahren werden. Das konnten je nach körperlichem befinden von Fritz gute 250 Kilometer sein. Hatten wir Glück konnte wir eine Schnellstraße bzw. Autobahn nehmen oder wir hatten Pech, sodass wir eine Landstraße befahren mussten. Dann waren meist noch Besorgungen zu erledigen, wie Wasser auffüllen, tanken, Essen einkaufen oder kochen. Demzufolge war frei nicht gleich Freizeit.

Entspannt ging es weiter Richtung Süden. Teilweise über Streckenabschnitte, die von der Tour de France auch schon befahren wurden, wie die Straße zum Mont Ventoux. Auch die Vegetation änderte sich allmählich von Mischwald zu Hartlaubgehölzen. Mit der Vegetation stieg auch das Quecksilber im Thermometer stetig an. Nach dem nächsten Schichtwechsel in Südfrankreich hatte Fritz eine sehr hohe Wattleistung in seinen Beinen. Das spürten wir ganz besonders, als wir in dem kleinen Dorf Rochegude in einen Stau gerieten. Sonntag früh um 6 Uhr war in dieser kleinen Provinzstadt die Hölle los. Scheinbar sollte hier ein Flohmarkt aufgebaut werden und die Händler waren alle zur selben Zeit angereist. Für uns ging erstmal nichts mehr. Fritz fuhr natürlich vor. Über eine halbe Stunde hat es gedauert, bis wir Fritz wieder eingeholt hatten. Eine letzte gute Nachricht konnte im Liveticker auf Facebook noch verkünden werden, bevor wir Frankreich Richtung Spanien verließen: die 3000 Kilometermarke wurde bezwungen.

Frankreich

Die Hölle von Spanien

3000 Kilometer

Hölle, ein gutes Stichwort. Als vorletztes Land lag nun Spanien vor uns. Die Trasse ging von Nord nach Süd quer durch das Innenland. Lange schnurgerade Straßen, wie man sie von Australien kennt, Temperaturen bis zu 45 Grad Celsius und leider auch Gegenwind machten aus Spanien eine harte Nuss.

Spanien

Hinzu kam noch, dass wir Probleme mit der örtlichen Polizei bekamen. Nicht weil wir zu schnell unterwegs waren, sondern weil wir im Pacecar einem Solofahrradfahrer folgten. Scheinbar war das in dieser spanischen Region nicht erlaubt. Nach Argumentation des Polizisten wäre es kein Problem gewesen, wenn es sich um zwei oder mehr Fahrer gehandelt hätte. Daraufhin mussten wir unsere Taktik auf die Leapfrog-Taktik umstellen. Bei dieser Technik fährt das Pacecar ein paar Kilometer voraus und wartet am Straßenrand auf den Radfahrer. Danach fährt das Pacecar wieder voraus. Dieses Manöver wiederholten wir für etwa dreißig Kilometer. Danach waren wir in einem anderen Bezirk und vom Ort des Verbrechens weit genug entfernt, sodass wir keine Befürchtung mehr hatten von denselben Polizisten angehalten zu werden.

Spanien

Umso südlicher wir fuhren, umso weniger Bäume standen am Straßenrand, die etwas Schatten hätten spenden können. Die tropischen Temperaturen und die brennende Sonne setzten Fritz nun doch erheblich zu und zwangen ihn in die Knie. Wir befanden uns südwestlich von Madrid am Embalse de la Serena Stausee. Wir waren gerade von einer kurzen Pause wieder aufgebrochen, als Fritz sich via Funkgerät meldete und um eine weitere Pause bat. Es kam zu einem Moment der Schwäche. Die Sonne stand im Zenit und war selbst für uns im Auto unerträglich. Fritz kämpfte noch etwas bis wir in der Wüstenlandschaft unter einer Brücke einen geeigneten schattigen Rastplatz fanden. Wir hielten eine typische Siesta. Fritz bekam eine weitere Massage plus aufgetautes Eis, das die Jungs der Nachtschicht mitbrachten. Am späten Nachmittag, als es sich etwas abgekühlt hatte (37 Grad), nahm Fritz das Rennen mit neuen Kräften und gut gelaunt wieder auf.

Glücklicherweise hatte Fritz keine großen technischen Probleme oder Unfälle. Jedoch hatten wir eine besondere Situation in Spanien. Wir mussten mit dem Pacecar wegen einer Baustelle eine Umleitung fahren. Fritz fuhr natürlich vorneweg durch die Baustelle hindurch. Für die Umleitung gab es keine Beschilderung, dementsprechend galt es nun einen schnellen Weg zurück zur Strecke zu finden. Wir fuhren durch sehr enge Gassen, in denen wir mit dem Auto fast nicht durchgekommen wären. Als wir nach einer halben Stunde Fritz wieder fanden, saß er auf einer Bank und wartete auf uns. Die Baustelle war etwa dreißig Kilometer frischer, heißer Asphalt, der beiden Reifen zusetze. Heutzutage sind Reifen erfreulicherweise schnell gewechselt. Fun Fact: es war Freitag der 13. (Juli).

Spanien

Frankreich

Das Ziel ist nah

4721 Kilometer

Auf den letzten 300 Kilometern schleppte sich Fritz fast nur noch angetrieben von seinen Beinen vorwärts. In dieser Phase des Rennens war die einzige Motivation das immer näherkommende Ziel. Die Landschaft war sehr monoton. Ein Agrarfeld neben dem anderen. Die Straße führte in Wellenform geradeaus. Hinter jeder Erhöhung tauchte stets eine neue auf. Leider hatte Fritz auch mit Gegenwind zu kämpfen. Die Abstände der Zwangspausen wurden immer kürzer. Wieder einmal kämpften wir gegen die spanische Mittagshitze. Es war eine Quälerei. Mit Eis, das wir an Tankstellen kauften, konnten wir seine Stimmung etwas verbessern.

Meine Aufgabe zu diesem Zeitpunkt war es, Fritz zu navigieren. Als ich ihm die Distanz zum Ziel durchfunkte: „Fritz, wir sind zweistellig, weniger als 100 Km“, war er wieder da. Seine Verfassung verbesserte sich schlagartig. Er zog das Tempo wieder an. Die Aufregung war im Team zu spüren. Jeder von uns wusste es, aber keiner hat es laut ausgesprochen: Fritz wird dieses Rennen nach Hause bringen. Nachdem er in der Vergangenheit Rennen aus unterschiedlichsten Gründen vorzeitig aufgeben musste, wird er endlich wieder ein Erfolgserlebnis erfahren. Jetzt galt es noch eine gute bzw. sehr gute Endzeit zu erfahren. Unter 13 Tagen zu bleiben, war jetzt das neudefinierte Ziel.

Etwa 80 Kilometer vor dem Ziel wechselte ich ein letztes Mal das Auto, damit ich Fritz bei der Zieleinfahrt fotografieren konnte. Als Fritz langsam bemerkte, dass das Rennen in seinen letzten Zügen lag und ein letzter Wechsel anstand, wurde er sehr emotional. Wir redeten viel über Funk auf den letzten Kilometern bis zum Treffpunkt, wobei er sich für alles bedankt hatte. Für die beiden harten Wochen, für die Fotos, die er bis dahin noch nicht einmal gesehen hatte. Ich gab ihm auch noch ein paar Worte mit für die letzte Etappe und das wir uns gleich im Ziel wiedersehen werden.

Nachdem ich das Pacecar verlassen hatte, machten wir uns mit dem Sprinter auf in Richtung Ziellinie. Am Europa Point auf Gibraltar trafen wir auf den Veranstalter, der noch fleißig Beachflags montierte. Leider war es bereits dunkel geworden und diesmal war das einzige Mal, wo ich mir gewünscht hätte, dass Fritz etwas schneller gefahren wäre. Per Telefonkontakt zum Pacecar erhielten wir den genauen Standtort des Konvois. Beim Grenzübergang gab es keine Probleme, wurde uns mitgeteilt. Jetzt nur noch östlich vorbei am weltbekannten Affenfelsen, direkt an der Mittelmeerküste entlang. Die letzten sieben Kilometer.

Gibraltar

Im Ziel wartete ich bereits bewaffnet mit der Kamera und einem Betreuer, der eine grüne Nebelfackel gezündet hatte. Zum zweiten Mal, wie beim ersten Schichtwechsel, hörte man im Hintergrund laute Musik in grottenschlechter Qualität durch die Megaphone kreischen. Kurz darauf sah man das Gelblicht vom Pacecar am Felsen reflektieren. Nur noch einmal nach links abbiegen. Fritz war in der Dunkelheit nur schwer zu erkennen. Aber dann rollte er um 23:05 Uhr nach 4721 beschwerlichen Kilometern durch die Ziellinie am Südzipfel. Er hatte es geschafft und sogar einen Streckenrekord mit 12 Tagen 7 Stunden und 5 Minuten aufgestellt. Dazu ist er aktuell der jüngste Finisher auf dieser Strecke.

Gibraltar

Dieser Moment war für alle Beteiligten unfassbar schön. Die ganze Anstrengung, die kurzen Nächte, die vielen Nudeln mit Tomatensoße, das lange Sitzen im Auto, die vernachlässigte Körperhygiene und das frühe Aufstehen mitten in der Nacht haben sich am Ende gelohnt. Diese Zieleinfahrt war ein sehr würdevoller Augenblick. Ich habe nach diesem Rennen größten Respekt vor Fritz Geers und seiner Leistung. Oft, nach dem Schichtwechsel, war ich ziemlich Game Over. Vor allem mit der Müdigkeit hatten wir zu kämpfen. Ich war sehr oft froh, dass ich nicht in der Haut von Fritz steckte und weiterfahren musste. Ich freute mich sehr auf mein Bett. Als Laie ist es schwer vorstellbar, wie es sich anfühlt über 12 Tage mehr oder weniger am Stück auf einem Rennradsattel zu sitzen. Auch die 51000 Höhenmeter sind nur schwer vorstellbar und eine unfassbare Leistung. Umgerechnet hat Fritz 295 Stunden für die gesamte Strecke gebraucht und davon hat er insgesamt nur 26 Stunden geschlafen. Demnach saß er 269 Stunden auf dem Sattel. Wobei es noch weitere kurze Pausen gab, die nicht protokolliert wurden. Diese nutzte Fritz zum Essen, Kleidung oder Fahrrad wechseln oder ähnlichem. Seine daraus resultierende Durchschnittsgeschwindigkeit lag ungefähr bei 17,5 km/h. Eine weitere interessante Statistik sind die zehn Kilogramm, die Fritz auf der Strecke verloren hat.

Alles im allem ging es Fritz nach dem Rennen sowohl körperlich als auch psychisch recht gut. Nur seine motorischen Fähigkeiten litten ein wenig unter den Strapazen. Essen mit Messer und Gabel war nach dem Rennen unmöglich. Das entmutigt Fritz jedoch nicht. Es gibt bereits Pläne und Herausforderungen, die Fritz Geers 2019 angehen möchte.

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